Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen! Das Thema Lehrerausbildung zieht sich nun schon eine ganze Weile hin. Sie erinnern sich: Im März 2012 hatte die Landesregierung eine Expertenkommission eingerichtet, in der unter dem Vorsitz der früheren Berliner Bildungssenatorin Sybille Volkholz mehrere Personen als Experten gearbeitet haben; u. a. gehörte dazu auch Peter Fratton, ein Schweizer Schulunternehmer und Gemeinschaftsschulexperte,

(Abg. Karl-Wilhelm Röhm CDU: Den gab es, ja! – Zuruf von der CDU: Den kennt in der Schweiz kein Mensch!)

der ja mittlerweile in Ungnade gefallen ist. Aber diese Kommission hat dann ein Jahr später ihre Reformvorschläge vorgelegt. Dabei ging es darum: Der Gymnasiallehrer soll verschwinden, der Einheitslehrer soll kommen, und es sollte – wie wir das nennen – eine „Sonderschullehrerausbildung light“ geben.

(Zuruf des Abg. Dr. Kai Schmidt-Eisenlohr GRÜNE)

Das Entsetzen in der Öffentlichkeit war groß. Daran erinnern Sie sich wahrscheinlich auch. Das war dann wahrscheinlich auch der Grund, warum es erst einmal eine Sendepause gab. Dann ist nämlich eine ganze Weile gar nichts geschehen.

Erst im Dezember 2013 hat die Landesregierung bei einer Pressekonferenz ihre Eckpunkte für die Lehrerausbildung vorgestellt. Erfreulich fanden wir es damals, dass der Einheitslehrer von der Bildfläche verschwunden war. Allerdings ist er dann ein Jahr später doch wieder aufgetaucht. Bei der Fachtagung zur Lehrerausbildung im Haus der Wirtschaft im November 2014 hieß es in dem Forum zur Kooperation von Universitäten und Pädagogischen Hochschulen, das ich besucht habe, von einer Hochschulleitung: Langfristig ist angedacht, die Trennung der Ausbildung im Lehramt für Sekundarstufe I und II aufzuheben. Das ist dort so gesagt worden. Also fragt man sich schon: Ist es das, was Ihnen langfristig doch vorschwebt – eine Schule für alle, ein Lehrer für alle?

Wir in der CDU haben schon den Eindruck, dass Sie sich im Augenblick taktisch nur vordergründig und vorübergehend von diesem ideologischen Ziel verabschiedet haben.

(Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Jetzt wird wieder Angst geschürt! – Zuruf des Abg. Daniel Andreas Lede Abal GRÜNE)

Aber alles auf einmal ist dann wohl ein bisschen viel. Im Moment sind Sie doch etwas überfordert von den vielen Baustellen, die Sie aufgemacht haben.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU und des Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP – Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Die Unterstellungsgeschichten der „Gestern-CDU“!)

Wir konzentrieren uns hier jetzt auf zwei Baustellen. Einerseits geht es darum, die Besonderheiten der Pädagogischen Hochschulen und der Universitäten zusammenzuführen. Ich verkürze etwas, wenn ich sage: Es geht darum, dass die PH-Studenten mehr Fachwissenschaft und die Studierenden an den Universitäten mehr Fachdidaktik unterrichtet bekommen. Es geht hier also um die Inhalte des Studiums.

Andererseits geht es um Strukturfragen, um organisatorische Themen. Sie wollen nämlich das Lehramtsstudium vom Staatsexamen auf Bachelor und Master umstellen. Aber beides bekommen Sie im Moment nicht richtig auf die Reihe.

Im Augenblick sind die Hochschulvertreter wirklich genervt, und die Studierenden geraten in Panik. Sie sind nämlich völlig in zeitlichen Verzug geraten. Die neue Studienordnung soll ab dem nächsten Wintersemester, also dem Wintersemester 2015/2016 gelten. Es hat aber ewig gedauert, bis sich Kultusministerium und Wissenschaftsministerium einigen konnten. Jetzt stehen zwar die Rahmenvereinbarungen, aber die Satzungen auf Hochschulebene sind noch gar nicht umgebaut. Die EDV-Fachleute an den Hochschulen sagen uns z. B., sie brauchen ungefähr ein Jahr, um das, was sie da vorgegeben bekommen, in elektronische Struktur umzusetzen, damit überhaupt gewährleistet ist, dass die ECTS-Punkte anerkannt werden und alles, was für die Studierenden an Anerkennung wichtig ist, verbucht werden kann.

Der Senat der Universität Freiburg sah sich angesichts des Chaos letzte Woche offensichtlich gezwungen, eine Übergangssatzung zu verabschieden.

Dieses ganze Durcheinander ist entstanden, weil Sie zu viel Zeit gebraucht haben, um sich zu einigen und Ihre Hausaufgaben zu machen.

(Abg. Daniel Andreas Lede Abal GRÜNE: Haben Sie schon einmal etwas von der Qualität der Initiative gehört?)

Ein ganz großes Problem scheint offensichtlich die Frage der Polyvalenz des Bachelors zu sein. Das, was Sie da vorhaben – so hören wir –, passt überhaupt nicht mit den Quedlinburger Beschlüssen und den KMK-Vorgaben zusammen. Möglicherweise können Sie die Polyvalenz auf dem Papier nachweisen; de jure funktioniert es – hören wir im schönsten Wissenschaftsjargon von Professoren und Rektoren –, aber de facto nicht.

Ich muss sagen: Ich halte das, was Sie hier veranstalten, wirklich für unverantwortlich. Zum einen gehen Sie weiterhin von der Berufsqualifizierung im Zuge dieses Bachelorabschlusses aus, aber bis heute ist eigentlich nicht richtig klar, was ein Lehramtsstudent mit einem Bachelorabschluss auf dem Arbeitsmarkt machen kann. Und zum anderen schicken Sie die jungen Menschen in Studiengänge hinein, von denen uns die Hochschulvertreter heute schon sagen, dass die Anschlüsse ins Masterstudium nicht sauber geregelt sind.

Also z. B. ein Bachelorabsolvent, der Geografie für das Lehramt studiert hat, ist weder ein fertiger Lehrer, noch ist er ein fertiger Geograf, noch kann er nahtlos in das Studium der Geografie überwechseln.

Noch einmal: Die CDU-Fraktion hält es für unverantwortlich, dass Sie hier eine mit heißer Nadel gestrickte Reform angehen und das den neuen jungen Studierenden zumuten.

(Beifall bei der CDU)

Die Studierenden selbst – Sie wissen das – kommen zu dem Schluss, dass die polyvalenten Bachelorstudiengänge nicht sinnvoll aufgestellt sind. In Heidelberg sind die Studierenden aus Protest aus der Steuerungsgruppe ausgetreten. Sie haben dazu im November 2014 eine Erklärung abgegeben und haben gesagt, die Polyvalenz sei reine Augenwischerei, die Polyvalenz diene lediglich der Legitimation einer unzureichend durchdachten strukturellen Hochschulreform. Viele Studierende lehnen das ab. Wir haben das bei dem Forum im Haus der Wirtschaft auch sehr deutlich vor Augen geführt bekommen.

Sie setzen also offensichtlich wieder die falschen Schwerpunkte. Es geht wieder einmal nur um die Strukturen, um die Schulstrukturen und die Strukturen bei der Lehrerausbildung. Das ist der Mittelpunkt Ihrer Bildungspolitik. Die Menschen und die Inhalte der Politik geraten da völlig ins Abseits. Die führen ein Schattendasein.

Auch auf der zweiten Baustelle sieht es noch ziemlich chaotisch aus. Da geht es um die Zusammenarbeit der Pädagogischen Hochschulen und der Universitäten. Das ist jetzt, ehrlich gesagt, auch nichts ganz Neues. Da erfinden Sie das Rad nicht neu. Das gab es schon in der Vergangenheit in unterschiedlicher Intensität. Es ist ja auch der Bund, der das bei uns in Baden-Württemberg in Zukunft erst einmal bezahlen soll.

Wir sind natürlich froh, dass das Bundesministerium jetzt Geld für die Lehrerausbildung nach Baden-Württemberg schickt. Freiburg und Heidelberg können sich freuen; denn sie haben jetzt ihre Förderanträge bewilligt bekommen. Aber diese Freude an der einen Stelle löst natürlich Fragen und Unsicherheiten an anderen Standorten aus.

Was geschieht jetzt in Tübingen, Frau Ministerin? – Wir haben einer Pressemitteilung entnommen, dass Sie jetzt auf die zweite Bewilligungstranche hoffen. Soweit ich das verstanden habe, müssen die Anträge dafür im Juni noch einmal neu eingereicht werden. Dahinter folgt dann noch ein ziemlich langer Rattenschwanz an Bürokratie. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Zeit bis zum nächsten Wintersemester reicht.

Deshalb stellt sich wirklich die Frage: Wie wird dann die inhaltliche Verbesserung der Lehrerausbildung in Tübingen vonstattengehen? Sind Sie bereit, das finanziell mit zu unterstützen? Tübingen muss es aus eigener Kraft stemmen. Da ist keine Pädagogische Hochschule vor der Haustür. Und können Sie garantieren, dass in Tübingen weiterhin eine gymnasiale Lehrerausbildung mit verstärkter Fachdidaktik und mehr Bildungswissenschaft stattfinden wird?

Auch die Standorte Schwäbisch Gmünd und Weingarten hängen unserer Ansicht nach in der Luft. Da gibt es bisher schon Kooperationen z. B. zwischen Schwäbisch Gmünd und Ulm, aber eine School of Education ist da noch nicht sichtbar und erkennbar. Es soll über die bisherigen Kooperationen hinausgehen. Wie soll das funktionieren? Ist das Land bereit, auch dafür Geld in die Hand zu nehmen? Wir denken da z. B. an die BAföG-Mittel, die uns der Bund jetzt zur Verfügung gestellt hat. Die sind bisher irgendwo – zur Hälfte jedenfalls – im Haushalt des Kultusministeriums versickert. Es gäbe vielleicht noch die Möglichkeit, hier etwas für die Lehrerausbildung abzuzwacken.

Also: Wir würden uns einfach freuen, wenn wir hier im Haus noch einmal ein bisschen konkreter erfahren würden, was Sie vorhaben. Bisher scheint uns hier im parlamentarischen Raum der Prozess – trotz aller Foren in der Öffentlichkeit – nicht gerade transparent zu sein. Dass sich die Studierenden aus Protest nicht nur in Heidelberg aus den Abstimmungsprozessen zurückziehen, spricht auch eine klare Sprache. Vielleicht bringt uns diese heutige Debatte auf der Grundlage der Großen Anfrage, die wir schon vor langer Zeit gestellt haben, etwas mehr Klarheit. 

Wir halten das für wichtig. Natürlich müssen die künftigen Lehrkräfte gerüstet sein, und man muss an der Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer inhaltlich einiges verbessern. Dies ist erforderlich angesichts der Aufgaben, die sich ihnen stellen, die Sie ihnen stellen. Denken Sie an die Inklusion, denken Sie an die Unterrichtung der Flüchtlinge, an die gestiegene Heterogenität, an die Anforderungen der Medienbildung, der Digitalisierung usw. Dazu hätten wir jetzt gern einfach auch einmal klare und konkrete Aussagen und nicht immer nur die unseligen Strukturdebatten.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der CDU – Zuruf von der CDU: Genau!)

 

 

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