Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen!

 

Die Gretchenfrage in der heutigen Debatte lautet, Frau Ministerin: Wie halten Sie es mit der Qualität? Wie wollen Sie das Bildungsniveau in den Gemeinschaftsschulen halten? Und wie und wann bilden Sie die Lehrer für diese neue Schulart aus?

Wir haben jetzt schon 42 Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg, und über 100 neue Anträge auf Einrichtung einer Gemeinschaftsschule wollen Sie zum nächsten Schuljahr genehmigen. Dort sollen dann gleichzeitig Hauptschüler, Realschüler und Gymnasiasten unterrichtet werden, und auch die Inklusion soll überall stattfinden.

Bisher unterrichten an den Gemeinschaftsschulen aber fast nur Hauptschullehrer. Diese sollen jetzt etwas tun, wofür sie überhaupt nicht ausgebildet sind. Sie sollen nämlich Realschulniveau und Gymnasialniveau zusätzlich und gleichzeitig unterrichten. Dafür bekommen sie dann einen, zwei oder vielleicht auch drei Fortbildungstage. Das soll sie auf den erforderlichen Stand bringen. Aber reicht das wirklich aus, meine Damen und Herren? Reicht das aus für die Gewährleistung der hohen Qualität, die wir an den Schulen in unserem Land gewohnt sind? Die CDU sagt eindeutig Nein.

Frau Ministerin, Sie riskieren, dass diese Lehrkräfte sich persönlich überfordern, sich selbst ausbeuten und möglicherweise krank werden.

Die schriftlichen Antworten, die Sie auf die Fragen der FDP/DVP in dem vorliegenden Antrag sowie auf die Fragen in unseren früheren Anträgen zur Qualitätssicherung in der Gemeinschaftsschule gegeben haben, sind erschreckend dürftig. Ich hoffe wirklich, dass Sie heute dazu noch etwas nachlegen können.

Wir bestreiten überhaupt nicht das Ziel Ihrer Gemeinschaftsschule. Das klingt ideal, paradiesisch, wunderschön. Uns interessiert aber der Weg dorthin. Wir haben wirklich den Eindruck, dass Sie das Pferd von hinten aufzäumen,

(Abg. Karl-Wilhelm Röhm CDU: Ja!)

weil Sie den zweiten Schritt vor dem ersten tun. Uns interessiert Ihre real existierende Gemeinschaftsschule.

(Beifall bei der CDU und Abgeordneten der FDP/ DVP – Abg. Dr. Friedrich Bullinger FDP/DVP: Sehr richtig!)

Sie richten nämlich – wir haben das heute Morgen schon herauf und herunter debattiert – die Gemeinschaftsschulen ein, ohne die notwendige Vorarbeit zu leisten, ohne die notwendigen Schulbauförderrichtlinien, ohne eine abgestimmte regionale Schulentwicklung, ohne geeignete Bildungspläne und ohne passende Lehrerbildung.

Sie verweisen bei der Frage nach der Qualitätssicherung einfach auf die Bildungsstandards. Um die kommen Sie aber überhaupt nicht herum, die gelten nämlich bundesweit. Die Kultusministerkonferenz hat das vereinbart; das ist einfach gesetzt. Die Frage ist, ob und wie Sie die Bildungsstandards überhaupt erreichen werden.

Sie erwarten, dass jede Lehrkraft in Zukunft für jedes Kind ganz individuell einen Weg entwickelt, damit es dann das selbst gesteckte Ziel erreichen kann. Wie wir alle wissen, wenden die Lehrer schon heute einen Methodenmix an und berücksichtigen jedes Kind in seiner Besonderheit und in seiner eigenständigen Persönlichkeit. Da wird Tolles geleistet. Viele Lehrerinnen und Lehrer sind hoch motiviert und engagiert. Das werden Sie nicht bestreiten.

Bisher aber hatten alle Kinder einer Klasse dasselbe Ziel vor Augen. Sie strebten alle nach einem gemeinsamen Bildungsstandard. In der Gemeinschaftsschule soll das jetzt alles ganz anders werden. Jeder Schüler strebt nach seinem eigenen Ziel, jeder Schüler beugt sich über sein eigenes Heft und löst die individuell für ihn gestellten Aufgaben. Der heute von Herrn Dr. Kern geprägte Begriff „Ego-Schule“ hat mir sehr gut gefallen.

(Vereinzelt Beifall)

Die Aufgaben für jedes einzelne Kind müssen entwickelt werden. Da muss eine Art Trainingsprogramm für jeden Einzelnen aufgestellt werden. Das macht man nicht einfach zwischendurch und nebenbei im Unterricht. Ein Lehrer, der seine Aufgabe ernst nimmt, benötigt dafür Handreichungen, Weiterbildung, Vorbereitung und enorm viel Zeit.

Es geht uns heute auch nicht nur um die Lehrerinnen und Lehrer, die derzeit im Schulsystem sind, sondern wir fragen auch nach der Ausbildung der angehenden Lehrerinnen und Lehrer. Wenn man Ihre Antworten auf die Fragen zur zukünftigen Referendarausbildung für die Lehrkräfte in den Gemeinschaftsschulen liest, Frau Ministerin, wird niemand schlauer; ich jedenfalls nicht. Sie scheinen bisher keinerlei Vorstellung davon zu haben, wie Sie die künftigen Referendare ausbilden und auf die zukünftigen Aufgaben vorbereiten wollen. Sie schreiben in der Stellungnahme zum Antrag Drucksache 15/1666:

Nachdem die Gemeinschaftsschule ... eingeführt wird, werden ... auch die Verordnungen über die erste und zweite Phase der Lehrerbildung geändert werden.

Das ist aber glatt die falsche Reihenfolge.

(Beifall bei der CDU und der FDP/DVP)

Ich darf vielleicht Peter Fratton zitieren, der bei Ihnen im Haus hohe Anerkennung genießt. Er hat bei einer Veranstaltung der CDU-Fraktion, als wir ihn gefragt haben, warum denn so viele Lehrer in seiner ach so idealen Schule kündigen, gesagt: "Wir suchten Lernbegleiter, aber wir bekamen Lehrer." Das soll heißen, die Lehrer sind einfach nicht geeignet für diese Schule. Zu dumm aber auch!

Sie verweisen auf die Expertenkommission, die im nächsten Frühjahr ihre Vorschläge zur Lehrerbildung unterbreiten soll. Das ist ein Jahr nach Beginn der Gemeinschaftsschule! Ich will den Herrschaften dieser Expertenkommission wirklich nicht zu nahe treten. Die Kommission ist hochkarätig besetzt. Aber – und das ist es ja gerade – es ist kein einziger Praktiker dabei, wie mir scheint.

(Zuruf von der FDP/DVP: Sehr richtig!)

Die betrachten unsere Bildungslandschaft wieder einmal aus dem Elfenbeinturm heraus. Bis Sie die Empfehlungen dieses Gremiums auf Umsetzbarkeit geprüft und die notwendigen Vorbereitungen getroffen haben, geht ziemlich viel Zeit ins Land. Bis dahin, meine Damen und Herren, wurschteln sich die Gemeinschaftsschulen so durch. Die Kinder werden zu Versuchskaninchen.

(Beifall bei der CDU und der FDP/DVP – Abg. Karl- Wilhelm Röhm CDU: Genau so ist es!)

Peter Fratton hat, als wir ihn nach Ihrer Einführung der Gemeinschaftsschule gefragt haben, auch gesagt: "Das kann funktionieren." Das war sehr vorsichtig ausgedrückt. Frau Ministerin, ich sage Ihnen für die CDU ganz deutlich: Ein "Könnte" ist uns für Baden-Württemberg zu wenig. Dieses Land ist bekannt für gute Qualität, gerade und auch in der Bildungspolitik. Sorgen Sie dafür, dass das so bleibt. Machen Sie bitte seriöse Bildungspolitik.

(Beifall bei der CDU und der FDP/DVP – Abg. Karl- Wilhelm Röhm CDU: Bravo! – Zuruf: Geht nicht!)

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