13.10.2015: Grußwort zur EAK-Veranstaltung in Holzgerlingen "60 Jahre deutsch-israelische Beziehungen – gibt es einen neuen Antisemitismus"

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich sehr, dass der EAK Kreis Böblingen heute, in diesem besonderen Jahr 2015, diese Veranstaltung durchführt.

Dieses Jahr erinnern wir uns an einige bedeutende Ereignisse. Vor 70 Jahren war der zweite Weltkrieg zu Ende. Das bedeutet auch: 70 Jahre Ende des Holocaust und der nationalsozialistischen Diktatur. Seit 50 Jahren gibt es diplomatische Beziehungen zwischen dem neu gegründeten Staat Israel und Deutschland. Wir feiern dieses Jahr auch 25 Jahre deutsche Wiedervereinigung. Heute aber wollen wir ganz besonders auf die 50 Jahre deutsch-israelische Beziehungen eingehen.

In den 50 Jahren der deutsch-israelischen Beziehungen hat sich eine hervorragende Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern entwickelt. Trotz der furchtbaren Vergangenheit ist es gelungen, eine gute Verbindung zu etablieren – das ist nicht selbstverständlich!

Was aber haben diese 50 Jahre diplomatische Beziehungen gebracht? Was wurde auf der politischen, menschlichen und gesellschaftlichen Ebene erreicht? Gibt es auf allen diesen Ebenen eine Annäherung? Und ganz besonders, wie sieht unsere gemeinsame Zukunft aus?

Auf diplomatischer Ebene wurde in den letzten Jahrzehnten sehr erfolgreich eine gemeinsame Verbindung geschaffen. Deutschland tritt nachdrücklich für das Existenzrecht des Staates Israel ein. Beide Seiten betonen ihre Freundschaft und Verbundenheit. Inwieweit die deutsche Öffentlichkeit aber davon Kenntnis nimmt – das ist vielschichtig und sehr unterschiedlich.

Es gibt zahlreiche Vereinigungen und Freundeskreise, die sich der deutsch-israelischen Verbindung widmen. Dabei handelt sich um politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche, wissenschaftliche, auf Hochschulebenen, historisch interessierte und besonders auch religiös motivierte Kontakte zwischen den beiden Ländern. Doch das scheinen leider nur Teilöffentlichkeiten zu sein. Daneben müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass Studien bei 20% der deutschen Bevölkerung antisemitische Einstellungen belegen.

Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung zu den Einstellungen der Deutschen und der Israelis zum jeweils anderen Land und dessen Bevölkerung möchten 58% der befragten Deutschen einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen. Anders stellt sich das bei den Israelis dar. Von ihnen lehnen es 75% ab, einen solchen Schlussstrich zu ziehen. Obwohl die Israelis in der Mehrheit positiv gegenüber Deutschland eingestellt sind!

Die Studie macht weiter deutlich, dass man verschiedene Schlüsse aus der Geschichte gezogen hat: Die Deutschen wollen nie wieder Krieg. Die Israelis wollen nie wieder Opfer sein.

Unsere heutige Veranstaltung fragt danach, ob es einen neuen Antisemitismus gibt. Offensichtlich ja. Denn erst kürzlich durfte ich beim Neujahrsfest der Israelitischen Religionsgemeinschaft dabei sein, bei der zum ersten Mal die Joseph-Ben-Issachar Süßkind-Oppenheimer-Auszeichnung verliehen wurde. Diese Auszeichnung wurde gemeinsam vom Landtag und der Israelitischen Religionsgemeinschaft vergeben. Diesen Preis soll es nun alle zwei Jahre geben. Mit ihm soll herausragendes Engagement gegen Minderheitenfeindlichkeit und gegen Vorurteile in der Wissenschaft und Publizistik gewürdigt werden. Dieses Jahr wurde der Preis an die Amadeu Antonio Stiftung verliehen, die bereits seit 1998 gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus, auch in Form von Israelfeindlichkeit, eintritt.

 Offensichtlich gibt es Anlass genug, einen solchen Preis ins Leben zu rufen. Unsere Veranstaltung heute wurde am Anfang dieses Jahres konzipiert, als wir alle unter dem Eindruck des Anschlags auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo standen. Dieses furchtbare Ereignis ist jetzt schon wieder etwas in den Hintergrund getreten, aber wir werden es nicht vergessen. Denn auch dabei wurde ein gewalttätiger Antisemitismus sichtbar.

Mir stellt sich die Frage, was neu ist an diesem Phänomen, das es seit Jahrhunderten gibt.

Der Name des Preises, den der Landtag seit diesem Jahr gemeinsam mit dem IRGW vergibt, erinnert an den historischen Finanzratgeber Oppenheimer von Herzog Karl Alexander von Württemberg. Der in die Geschichte als „Jud Süß“ eingegangene höfische, aus Heidelberg stammende Finanzberater des Herzogs wurde 1738 Opfer eines Justizskandals. Dieser Vorgang ist fester Bestandteil unserer Landesgeschichte geworden und wurde mehrfach in der Literatur verarbeitet. Man denke nur an die Novelle „Jud Süß“ von Wilhelm Hauff oder den gleichnamigen Roman von Lion Feuchtwanger. Ein erschreckendes Beispiel für die Weiterverarbeitung dieser Geschichte ist auch der antisemitistische Propagandafilm „Jud Süß“ aus der NS-Zeit. Er darf heute nicht mehr gezeigt werden. Ich habe ihn einmal im Rahmen eines Vortrags der Landeszentrale für politische Bildung gesehen: Es ist beängstigend, was die Nationalsozialisten auch in diesem Bereich der Kunst angerichtet haben.

Mit der Oppenheimer-Medaille wird also an den Antisemitismus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Württemberg angeknüpft. Es gibt noch ein weiteres Thema, das in der Weltliteratur immer wieder aufgegriffen wird: der Topos des Ewigen Juden. Er bezeichnet den ewigen Wanderer, der aufgrund der Schuld, die er mit der Kreuzigung Jesu auf sich geladen hat, zur ewigen Ruhelosigkeit, Heimatlosigkeit und Friedlosigkeit ohne Erlösung verdammt ist. Dieses Motiv geht auf eine Legende aus dem Jahr 1602 zurück. Es wurde ebenfalls in vielen literarischen Werken verarbeitet und tradiert, zum Beispiel bei Wilhelm Hauff, Hans Christian Andersen, Friedrich Dürrenmatt und wieder in einem NS-Propagandafilm.

Antisemitismus ist also eine alte Erscheinung, die immer wieder und unterschiedlich stark aufflammt und in der deutschen Bevölkerung Umfragen zufolge grundsätzlich latent vorhanden ist. Derzeit müssen wir wieder offene Formen des Antisemitismus zur Kenntnis nehmen. Was ist daran neu? Nehmen wir ihn nur neu wahr, weil wir in Zeiten der Globalisierung, der offenen Grenzen, der Wanderbewegungen, eines neuen Terrorismus stärker wahrnehmen, dass auch andere Religionen, andere Nationen dieses archaische, antisemitische Grundgefühl in ihrer Geschichte bis heute durchziehen? Ist es vielleicht der ewig alte Antisemitismus? Und wenn ja, heißt das, dass wir diesem Übel hilflos ausgeliefert sind? Steckt es sozusagen mittlerweile in den menschlichen Genen, im kollektiven Gedächtnis?

Diesen Fragen stellt sich die heutige Veranstaltung. Wir freuen uns auf eine anregende Diskussion.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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