8.11.2015: Grußwort zu 25 Jahre Wiedervereinigung – Grenzerfahrungen in Ost und West (Veranstaltung der Lebendigen Gemeinde Leonberg)

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich freue mich sehr, dass Sie die Ausstellung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und des Auswärtigen Amtes nach Leonberg geholt haben.

 „Der Weg zur deutschen Einheit“ ist eine beeindruckende Dokumentation und hilft uns dabei, diesen Teil unserer deutschen Geschichte in Erinnerung zu behalten und aufzuarbeiten.

Wir gedenken heute des 9. Novembers 1989, einem für uns Deutsche eines ganz wichtigen Datums. Am 9. November wurde zwischen 23.00 und 24.00 Uhr die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschlang geöffnet -  die Mauer fiel.

Wir gedenken auch des 9. Novembers 1938, der Reichsprogromnacht.

Die Duplizität dieser beiden Daten wird uns wohl immer ein Rätsel bleiben.

Beeindruckend und erschreckend finde ich immer wieder, wie wenig man als normaler Zeitgenosse weiß und mitbekommt von dem, was sich historisch ereignet, obwohl sich die Dinge doch eigentlich vor unseren Augen abgespielt haben. Das ging wohl vielen Zeitgenossen so während des Dritten Reichs. Das ging auch vielen Westdeutschen so mit den Verhältnissen in der DDR.

Das Leben meiner Generation ist ja intensiv von der Geschichte der ehemaligen DDR und der damaligen BRD geprägt. Ich selber bin im August 1961 geboren – in diesen Tagen wurde die Mauer erbaut.

Meine erste Schwangerschaft war begleitet von aufwühlenden Fernsehbildern über die friedlichen Proteste der Montagsdemonstrationen.

Ich erinnere mich gut an den bejubelten Besuch von Michael Gorbatschow im Juni 1989 in Stuttgart und an die Hoffnungen, die man in ihn setzte.

Im Ausland sprach man von einer Gorbimanie und erklärte die Deutschen für verrückt.

Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker sagte an diesem Tag: "Wenn ein europäisches Haus entsteht, mit dem in einer friedlichen Ordnung Trennungen überwunden werden, in dem also Europa wieder zusammenwächst, wie es seiner Bestimmung entspricht, dann sind wir auf dem richtigen Weg."

Zeitgleich mit dem Besuch des russischen Präsidenten erhielten mein Mann und ich Besuch von Verwandten aus der DDR, die als Rentner schon Reisefreiheit genossen. Ich erinnere mich daran, dass sie sich aus Versehen an unsere Balkonbrüstung lehnten und sich dann wunderten, dass ihre Kleidung davon nicht schwarz und schmutzig wurde, weil bei uns die Luft so sauber war. In der DDR roch damals alles nach Braunkohle und war rußig schwarz.

Es sind oft Kleinigkeiten, die dazu beitragen, dass wir historische Begebenheiten im Kopf behalten.

Das verhindert aber leider nicht, dass uns wesentliche Vorgänge verborgen bleiben.

Für mich war der heutige Abend auch Anlass, mich zurück zu erinnern an meine Kindheit im Schatten der Mauer.

Ich bin nämlich in Bad Hersfeld, in Hessen, im damaligen sogenannten Zonenrandgebiet aufgewachsen.

Meiner Großmutter mütterlicherseits stammte aus Görlitz und daher hatten wir viele Verwandte dort, in Dresden, in Jena, in Zittau. Für die Familie meine Mutter bedeutete der Mauerbau in den Augusttagen `61 das Zerschneiden der Großfamilie, Besuche wurden unmöglich, Besitz ging verloren.

Eine meiner Kindheitserinnerungen ist, dass wir Besucher immer an die ca 30 km entfernte Grenze geführt haben  zur Besichtigung von Betontürmen und Stacheldraht – eigentlich immer in bedrückendem Nebel.

Die Amerikaner, die ihre Spionagetürme entlang der Grenze aufgebaut hatten – Point Alpha ist wohl der bekanntest - waren damals sehr präsent in unserem kleinen Bad Hersfeld mit seinen ca 40.000 Einwohnern.

Meine Großmutter war Miterbin des Hotels Vier Jahreszeiten in Görlitz, das ihr Bruder in der DDR auch noch weiter führen durfte. Ihr Anteil am Erbe wurde auf ein Sperrkonto überwiesen. Bei Besuchen durfte sie davon kleine Summen abheben und mit nach Hause bringen. Davon wurden dann Anschaffungen bezahlt, die meiner Mutter noch heute in Erinnerung sind. Die deutsche Teilung war immer auch mit sehr konkreten materiellen Themen und Bedürfnissen verbunden in meiner Erinnerung.

Besuche zwischen grenznahen Kreisgebieten wurden möglich, als ich 11 Jahre alt war. Dann gab es nämlich den sogenannten „Kleinen Grenzverkehr“.

Das Wort fand ich immer putzig, der Vorgang selber war es nicht. Obwohl dann Tagesbesuche möglich waren, war der Grenzübertritt immer eine nervenstrapazierende Angelegenheit.

Wir Jugendlichen haben uns für all das wenig interessiert. Wir kannten es nicht anders und lebten ganz vergnügt im Schatten der Mauer.

Ältere Verwandte aber wetterten lebhaft gegen die kommunistische Diktatur hinter dem Stacheldraht.  

Aber ich kann mich nicht daran erinnern, jemals davon gehört zu  haben, was dahinter wirklich geschah.

Nach dem Mauerfall war ich dann völlig entsetzt, von den Bespitzelungen, den Folterungen, den Schikanen zu erfahren.

Einzelfälle waren natürlich im Familienkreis diskutiert worden: z.B. dass ein Vetter meiner Mutter die Schule verlassen musste, weil er ein aufmüpfiges Lied gesungen hatte. Ein Studium blieb ihm verwehrt. Er machte eine Ausbildung zum Färber.

Meine Mutter hatte auch eine Brieffreundin und wurde Patentante von ihrer Tochter. Sie wurde zur Konfirmation eingeladen und erfuhr, was es bedeutete, sich in diesem sozialistischen Staat gegen die Jugendweihe und für die Konfirmation zu entscheiden.

Die meisten Sorgen und die Kritik machten sich aber am Alltäglichen und am Materiellen fest.

Es gab dort drüben nicht genug zu essen. Die Menschen konnten weder Waschpulver noch Kaffee dann kaufen, wenn sie es brauchten. Man musste Schlange stehen. Diese Alltagserfahrungen wurden breit diskutiert. Später haben wir den ehemaligen DDR-Bürgern skeptisch entgegen gehalten, sie hätten ja nur „die Banane“ gewählt.

Die Taufe unseres ersten Kindes am 1. Juli 1990 fiel dann zusammen mit der Einführung der D-Mark auch in Ost-Deutschland.

Auch dabei standen die materiellen Fragen, die mit der Wiedervereinigung verbunden waren, für die Bevölkerung im Mittelpunkt. Wenn Sie an die Diskussion um den Soli bzw. die Frage denken, ob wir ihn jetzt endlich abschaffen  können, so ziehen sich diese Themen bis heute durch.

Bei der Taufe am 1. Juli 1990 war auch der Schwager meines Mannes dabei, ein General der Bundeswehr. Er machte uns sehr eindrücklich deutlich, wie hoch gerüstet die russische und die ostdeutsche Armee waren und welch ein Wunder wir mit dem friedlichen Verlauf der Revolte und der Maueröffnung erfahren hatten.

Die Welt ist seither für uns alle größer geworden.
Deutschland ist größer geworden, mit allen Verpflichtungen und Herausforderungen, die damit verbunden sind.

Für die Wiedervereinigung brauchten wir noch die Erlaubnis der sogenannten Siegermächte – Denken Sie an die Zwei-plus-Vier-Gespräche.

Heute sind wir ein souveräner Staat und die Welt schaut durchaus bewundernd auf uns.

Das Zitat des damaligen Bundespräsidenten muss uns heute besonders zu denken geben. Denn es erinnert daran, welche Bedeutung damals der Europäischen Union beigemessen wurde.

Es ging darum, dieses wiedervereinigte und große Deutschland in die EU einzubetten  und dort in die Pflicht zu nehmen. Man meinte, auf diese Weise einer möglichen neuen deutschen Großmannssucht entgegenwirken zu können.

Im Moment, so scheint es angesichts der Flüchtlingskrise, ist Europa in Gefahr.

Europa hat nicht alle hochfliegenden Träume erfüllt, die wir damit verbunden hatten.

Aber wir sollten darüber nicht vergessen, wie wichtig und bedeutsam die Europäische Union gerade für Deutschland war und ist, und das meine ich nun wirklich nicht nur in materieller Hinsicht!

Europa hat uns 70 Jahre lang Frieden gewährt und hat dazu beigetragen, dass die Welt den Deutschen ihre Wiedervereinigung mit einer gewissen Gelassenheit zugestehen konnte.

Mittlerweile ist Deutschland zur tragenden Säule, zum Motor der Europäischen Union geworden.

Es liegt in unserem ureigenen Interesse, die EU zu erhalten,  zu stabilisieren  und weiter zu entwickeln.

Wenn wir die EU jetzt aufgeben und kaputtgehen lassen angesichts der Egoismen verschiedenen Länder und ihrer mangelnden Solidarität, sich an der Aufnahme von Flüchtlingen zu beteiligen, wird sie unwiederbringlich verloren gehen. Was wir in den vergangenen Jahrzehnten erreicht haben, bauen wir so schnell nicht wieder auf. Wir müssen es jetzt erhalten!

Eines der großen Ziele der DDR-Bürger waren die  Freizügigkeit und die Reisefreiheit.

Heute stellen wir fest, dass Freizügigkeit nicht überall und gleichermaßen für alle Menschen gewährt werden kann.
Wir können unsere Grenzen nicht bedingungslos offen halten für jeglichen Zuzug aus der ganzen Welt.

Ich vermute, dass diese Erkenntnis gerade für eine Bundeskanzlerin, die in der DDR aufgewachsen ist, eine sehr bittere ist.

Die Herausforderung heute lautet:

wie können wir uns bewahren, was wir in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland und in Europa aufgebaut haben?

Wie können wir eine gemeinsame europäische Politik erhalten und weiterentwickeln?

Und zwar auf dem Fundament unserer gemeinsamen christlichen und humanen Grundwerte?

Wie können wir dem Gebot der Nächstenliebe gerecht werden und dem Wunsch, Menschen in Not zu helfen,  

und wie können wir gleichzeitig auch unserer Verantwortung  gerecht werden, die wir zum einen gegenüber der eigenen Bevölkerung
und ihren Ansprüchen und Erwartungen haben und gegenüber den anderen Ländern, denen wir uns verbunden fühlen.

Der Blick auf die vergangene Geschichte kann manchmal den Weg weisen für das zukünftige Handeln. Vielleicht können wir heute Abend einen kleinen Beitrag zur eigenen Orientierung dazu leisten. Ich bin daher sehr gespannt auf den Vortrag von Pfarrer Holmer und auf die anschließende Podiumsdiskussion.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

© 2012 - Sabine Kurtz - CDU BW 2017