02|2012: Gemeinschaftsschule

Gemeinschaftsschule: Neue Schulart ohne konkretes und tragfähiges Konzept

Die grün-rote Landesregierung hat die Einführung der sogenannten Gemeinschaftsschule zum Schuljahr 2012/2013 angekündigt. Ideologische Gründe spielen hierfür eine wesentliche Rolle. Grüne und SPD leisten damit der Gleichmacherei im Bildungssystem Vorschub. Die individuelle Förderung der Kinder und Jugendlichen entsprechend ihrer Begabungen und Fähigkeiten kann an Gemeinschaftsschulen nicht in ausreichendem Maße gewährleistet werden. Aus Sicht der CDU-Landtagsfraktion wird mit der Einführung der Gemeinschaftsschule das erfolgreiche differenzierte Schulsystem in Baden-Württemberg leichtfertig untergraben.

Sachstand und weiteres Verfahren
Erst im März 2012 wird der Landtag in erster Lesung über den Gesetzentwurf des Kultusministeriums zur Einführung der Gemeinschaftsschule beraten. Die Beschlussfassung ist für April 2012 vorgesehen. Vorläufig wurden vom Kultusministerium 34 Schulen im Land ausgewählt, die voraussichtlich im Schuljahr 2012/2013 zu den ersten Gemeinschaftsschulen werden sollen. Diese Schulen, zu denen im Landkreis Böblingen die Grund- und Werkrealschule Döffingen in Grafenau gehört, erfüllen laut Kultusministerium die notwendigen Kriterien. Eine formale Genehmigung durch das Kultusministerium steht noch aus; die entsprechenden Anträge können allerdings erst nach der Verabschiedung des Gesetzes eingereicht werden.

Kein Konzept und keine Bildungspläne
Völlig unverständlich ist die unvorbereitete und hektische Einführung der Gemeinschaftsschule bereits zum kommenden Schuljahr. Bisher existieren noch keinerlei Vorgaben für das pädagogische Konzept und keine Bildungspläne, nach denen die Schülerinnen und Schüler in den Gemeinschaftsschulen unterrichtet werden sollen. Wahrscheinlich werden entsprechende Pläne erst zum Schuljahr 2015/2016 entwickelt. Auch gibt es derzeit noch keine Lehrer, die gezielt für diese neue Schulart ausgebildet sind. Die Landesregierung agiert plan- und verantwortungslos, wenn sie ohne Vorgaben und ohne Konzept eine schnelle Einführung der Gemeinschaftsschule durchpeitschen will. Probleme sind so vorprogrammiert. Schüler, Eltern und Lehrer werden im Ungewissen gelassen. Die CDU-Landtagsfraktion fordert deshalb von der Kultusministerin klare Aussagen und konkrete Konzepte, wie die Gemeinschaftsschulen ausgestaltet werden sollen. Wir befürchten zudem, dass die bestehenden Schularten gegenüber der neuen Gemeinschaftsschule benachteiligt werden, beispielsweise durch einen höheren Klassenteiler.

Skepsis bezüglich individueller Förderung
An Gemeinschaftsschulen lernen Kinder mit unterschiedlichstem Leistungsvermögen gemeinsam in Einheitsgruppen. Eine Aufteilung in unterschiedliche Förder- und Unterstützungsniveaus – Hauptschule, Werkrealschule, Realschule, Gymnasium – gibt es nicht. Auch soll es keine Klassen, sondern leistungsgemischte Lerngruppen geben. Ich stehe diesem Konzept sehr kritisch gegenüber. Die Heterogenität innerhalb einer Lerngruppe wird so groß sein, dass eine optimale individuelle Förderung nicht mehr möglich ist. Höchst problematisch ist aus meiner Sicht auch, dass an den Gemeinschaftsschulen das Wiederholen von Klassen wegfallen soll.

CDU schlägt Faktencheck vor
Die CDU-Landtagsfraktion hat der Regierung einen offenen und transparenten Faktencheck zur Gemeinschaftsschule vorgeschlagen. Dabei könnten die Chancen und Grenzen der neuen Schulart identifiziert, analysiert und bewertet werden. Zugleich kann ein Qualitätsabgleich zwischen dem bestehenden differenzierten Schulwesen und der neuen Gemeinschaftsschule vorgenommen werden. Offene Fragen sollen mit allen Betroffenen diskutiert werden. Ein solches Vorgehen hätte den großen Vorteil, dass sich die Menschen in Baden-Württemberg ein eigenes Bild von dem eingeleiteten Veränderungsprozess machen könnten. Eltern, Schüler und Lehrer erwarten zu Recht Informationen darüber, was bei dem massiven Systemwechsel in der baden-württembergischen Bildungspolitik auf sie zukommt. Gleichzeitig würde ein Faktencheck dem Kultusministerium die Möglichkeit eröffnen, notwendige Verbesserungen an den eigenen Planungen vorzunehmen.

Keine Planungssicherheit für Schulträger
Formale Voraussetzung für die Einrichtung einer Gemeinschaftsschule ist ein Antrag des Schulträgers, d.h. der Kommune. Zusätzlich bedarf es der Zustimmung der Schulkonferenz. Eine Genehmigung durch das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport kann dann erfolgen, wenn ein tragfähiges und pädagogisch anspruchsvolles Konzept vorliegt und "wenn aufgrund der gegebenen Verhältnisse davon ausgegangen werden kann, dass die Schule langfristig Bestand haben wird." Nach welchen Kriterien dies gemessen wird, lässt der Gesetzentwurf jedoch offen. Der Schulträger muss aber in jedem Fall eine angemessene räumliche und sachliche Ausstattung nachweisen. Hierfür sind unter Umständen aufwändige Umbaumaßnahmen notwendig. Offen ist, mit welchen Förderbeträgen das Land den notwendigen Schulhausbau unterstützt.
Gemeinschaftsschulen sollen zwei- oder mehrzügig sein; im Einzelfall soll aber auch eine Einrichtung an einzügigen Schulen möglich sein. Erforderlich ist eine dauerhafte Mindestschülerzahl in der Eingangsklasse (Klasse 5) von 20 Schülerinnen und Schüler pro Zug - wobei unklar ist, wie diese Schülerzahl ermittelt wird, da es ja bisher gar keine Schule gibt, für die man sich anmelden kann.

Einführung verfrüht
Angesichts der nach wie vor völlig unklaren Rahmenbedingungen halte ich die Einführung von Gemeinschaftsschulen zum Schuljahr 2012/2013 für verfrüht. Meiner Ansicht nach wäre es besser, wenn zunächst das Kultusministerium seine Hausaufgaben machen würde, bevor unsere bewährte Schullandschaft durch unausgegorene Experimente aufgebläht wird. Die CDU-Landtagsfraktion wird die Umsetzung dieser neuen Schulart sehr aufmerksam und kritisch begleiten und ggf. auf Nachjustierungen drängen.

© 2012 - Sabine Kurtz - CDU BW 2017