11|2014 Hermann-Hesse-Bahn: Noch viele Fragen offen – S-Bahn-Takt darf nicht gefährdet werden – Keine zusätzliche Lärmbelastung für Anwohner

In den Landkreisen Böblingen und Calw wird derzeit intensiv über die Hermann-Hesse-Bahn diskutiert. Die Einrichtung einer Zugverbindung zwischen Calw und Weil der Stadt bzw. Renningen liegt im besonderen Interesse des Landkreises Calw. Auch für den Landkreis Böblingen kann eine bessere verkehrliche Anbindung an den Schwarzwald vorteilhaft sein. Klar ist aber auch: Eine Reaktivierung der Württembergischen Schwarzwaldbahn darf keine Verschlechterung der Verkehrsanbindung von Weil der Stadt und Renningen, keine Gefährdung des S-Bahn-Takts und keine zusätzliche Lärmbelastung der Anwohner zur Folge haben.


Förderzusage der Landesregierung

Bereits seit rund 20 Jahren setzt sich der Landkreis Calw für eine Reaktivierung des Personenverkehrs auf der in den 1980er Jahren stillgelegten Strecke der Württembergischen Schwarzwaldbahn zwischen Calw und Weil der Stadt ein. An Fahrt gewonnen hat dieses Vorhaben durch die Ankündigung des baden-württembergischen Verkehrsministers vom Mai 2014, die Hermann-Hesse-Bahn zu fördern. Das Land will demnach über das Landesgemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz die Hälfte der Investitionskosten für die Strecke tragen. Die andere Hälfte sowie einen Großteil der Planungskosten sollen die Landkreise Calw und Böblingen, die Stadt Calw sowie die Gemeinden Althengstett und Ostelsheim übernehmen

Das Verkehrsministeriums ging laut Antwort auf meine Anfrage vom vergangenen Juli davon aus, dass die Landkreise Calw und Böblingen vereinbart hätten, bis zum Herbst 2014 fachliche und finanzielle Fragen zu klären, damit ein prüffähiger Förderantrag beim Verkehrsministerium eingereicht werden kann. Bis Ende Oktober 2014 lag ein solcher Antrag jedoch noch nicht vor.

Mangelhafte Informationspolitik und fehlende Transparenz

Schwer nachvollziehbar ist, dass das Verkehrsministerium bereits eine Förderung in Aussicht gestellt hat, bevor der Antrag überhaupt eingereicht wurde. Das Verkehrsministerium hat den Eindruck erweckt, einseitig die Interessen des Landkreises Calw zu berücksichtigen. Insgesamt fühlen sich viele Entscheidungsträger im Landkreis Böblingen in die Planung nicht ausreichend eingebunden. Mit dem Ziel der Landesregierung einer „Politik des Gehörtwerdens“ steht das bisherige Vorgehen im krassen Widerspruch.

Gefahr für das S-Bahn-Netz

Nach aktuellem Planungsstand soll die Hermann-Hesse-Bahn über Weil der Stadt bis Renningen geführt werden. Damit sollen aus Richtung Calw direkte Anschlüsse nicht nur an die S 6 Richtung Stuttgart sondern auch an die S 60 nach Böblingen ermöglicht werden. Experten befürchten jedoch, dass es dadurch zu Problemen für das gesamte S-Bahn-Netz kommen kann. Die eingleisige Streckenführung zwischen Weil der Stadt und Renningen-Malmsheim bildet ein Nadelöhr, das das Fahrplangefüge ins Wanken bringen könnte. Deshalb wurde von verschiedener Seite ein unabhängiger Stresstest gefordert, bevor eine Entscheidung über das Projekt gefällt wird. Dabei soll überprüft werden, ob trotz der heute schon häufigen Verspätungen der S 6 ein stabiler Verkehr auch mit einem Parallelbetrieb von Hermann-Hesse-Bahn und S 6 möglich wäre. Die Landesregierung begrüßt diesen Stresstest angeblich. Bisher (Stand 24.10.2014) ist jedoch noch nicht einmal die vorbereitende Arbeitsgruppe eingerichtet worden.

Auch wenn der Verband Region Stuttgart laut Aussage des Ministeriums bis 2028 die Fortführung des aktuellen Fahrplanangebots garantiert, steht die Befürchtung im Raum, dass sich die S-Bahn-Anbindung für Renningen und Weil der Stadt durch die Hermann-Hesse-Bahn verschlechtern könnte.

Lärmbelastung befürchtet

Zahlreiche Anwohner befürchten eine zusätzliche Lärmbelastung für die unmittelbar an die Bahntrasse angrenzenden Wohngebiete. Es ist davon auszugehen, dass für die bestehende Strecke kein Planfeststellungsverfahren durchzuführen ist und damit voraussichtlich auch keine zusätzlichen Lärmschutzmaßnahmen erfolgen werden. Auf die Frage, ob auf der Hermann-Hesse-Bahn Diesel- oder Elektrozüge fahren sollen, gibt es bisher noch keine klare Aussage. Für die Anwohner wäre ein Elektroantrieb weniger belastend, jedoch ist dieser laut Verkehrsministerium um rund 9 Mio. Euro teurer als der Dieselbetrieb.

Diskussion um Alternativvorschläge

Zu der dargestellten Planung zur Hermann—Hesse-Bahn wurden zwei Alternativvorschläge diskutiert: Der erste Vorschlag sieht eine Führung der Bahn nur bis Weil der Stadt vor. Der Landkreises Calw hat eine Standardisierte Bewertung vornehmen lassen, bei der Kosten und Nutzen der Hermann-Hesse-Bahn untersucht wurden. Demnach ist sie nur bei einer Weiterführung bis Renningen wirtschaftlich. Der Nutzen-Kosten-Index liegt angeblich bei 1,14 (bei Elektrobetrieb) bzw. 1,37 (bei Dieselbetrieb). Für Weil der Stadt liegen diese Werte angeblich lediglich bei 0,41 (bei Elektrobetrieb) bzw. 0,44 (bei Dieselbetrieb). Für Vorhaben mit einem Nutzen-Kosten-Index unter 1 ist eine Förderung mit Bundes- und Landesmitteln nicht möglich. Nicht nachvollziehbar ist bisher, wie die genannten Werte der Standardisierten Bewertung – die offiziell noch gar nicht bekanntgegeben wurden - zustande gekommen sind. Die Standardisierte Bewertung wird bisher unter Verschluss gehalten. Deshalb ist eine Überprüfung der Daten und Parameter z.B. durch die Bürgermeister, Gemeinde- und Kreisräte oder die Anlieger derzeit nicht möglich.

Der zweite Vorschlag zielt auf eine Verlängerung der S 6 bis Calw ab. Laut Verkehrsministerium konnten die jeweiligen Aufgabenträger darüber jedoch schon vor Jahren keine Einigung erzielen. Auch für diesen Vorschlag sei die Wirtschaftlichkeit nicht gegeben.

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