01|2013 Nationalpark Nordschwarzwald

Keine Naturschutzideologie im Nordschwarzwald

Die grün-rote Landesregierung will einen Nationalpark mit einer Größe von ca. 10.000 Hektar im Nordschwarzwald einrichten. In ihrem Koalitionsvertrag hatte die neue Landesregierung angekündigt, dass sie "die Errichtung eines Nationalparks anstrebt und dabei den Dialog mit den Menschen vor Ort sucht".

Bürgerbeteiligung

Die CDU-Landtagsfraktion steht der Ausweisung eines Großschutzgebietes in Baden-Württemberg – sei es ein Nationalpark oder ein Biosphärengebiet – grundsätzlich offen gegenüber. Allerdings legt sie Wert darauf, dass die Entscheidung tatsächlich von den betroffenen Menschen mitgetragen wird. Denn ein solches Großprojekt kann nur dann Erfolg haben, wenn es von breiter Akzeptanz begleitet wird. Daher kritisiert sie den Scheindialog, den die Landesregierung mit den Bürgerinnen und Bürgern im Nordschwarzwald derzeit führt. Die Aussage des Ministerpräsidenten: "Aber entschieden wird die Sache im Landtag, da muss man nicht lange rummachen, das ist klar sortiert", macht deutlich, dass die Entscheidung nicht im Nordschwarzwald und gemeinsam mit seinen Einwohnern, sondern in Stuttgart gefällt wird.

Alternativen

Kritikwürdig ist auch, dass Grün-Rot keinerlei Alternativen zu einem Nationalpark in Erwägung zieht. Zur Auswahl steht ausschließlich ein Nationalpark. Andere Möglichkeiten wie die Einrichtung eines Biosphärengebiets oder eines „Naturpark-Plus“ werden von Grün-Rot erst gar nicht in Betracht gezogen. Es scheint sich beim Nationalpark in erster Linie um ein Prestigeobjekt der Landesregierung zu handeln. Die eigene Klientel erwartet die Einrichtung eines solchen Schutzgebietes, koste es, was es wolle. Die CDU-Landtagsfraktion dagegen fragt nach den konkreten Auswirkungen und danach, ob ein Nationalpark der Region tatsächlich einen Mehrwert bieten könnte. Dazu sind unserer Ansicht nach noch vielfältige Fragen zu klären. Eine verfrühte Festlegung entspricht nicht verantwortungsbewusster Politik.

Entwicklungsnationalpark

Hauptzweck eines Nationalparks ist es, die Eigenentwicklung der Natur ohne jeglichen menschlichen Einfluss zu ermöglichen. Voraussetzung dafür ist ein schützenswerter und vom Menschen möglichst unbearbeiteter Naturraum mit einer gebietstypischen Fauna und Flora. Diese Voraussetzungen sind im Nordschwarzwald derzeit nicht gegeben. Daher soll ein sog. „Entwicklungsnationalpark“ eingerichtet werden. Das bedeutet, dass das Gebiet über 30 Jahre hinweg „umgebaut“ und die Fichtenbestände in Mischwald aus Tanne und Laubholz umgewandelt werden, damit es zum Nationalpark taugt. Es soll also etwas geschützt werden, was bisher noch gar nicht existiert.

Waldgeschichte

Der Nordschwarzwald blickt auf eine jahrhundertelange menschliche Nutzung zurück. Entgegen landläufiger Meinung besteht dort nicht unberührte Natur. Im Gegenteil: Es handelt sich um eine vom Menschen stark geprägte Kulturlandschaft. Kahlschlagartige Holzentnahmen für Baumaßnahmen in Notzeiten – zuletzt nach dem zweiten Weltkrieg – und die Waldweide durch Rinder und Ziegen führten dazu, dass weite Gebiete des Nordschwarzwaldes mehr oder weniger kahl waren. Um der drohenden Holznot einer ständig wachsenden Bevölkerung zu begegnen, wurden damals die kahlen Flächen mit Fichte und Kiefer aufgeforstet. Diese Baumarten kamen mit den sauren und armen Böden auf den kahl gelegten Flächen im Gegensatz zu den heimischen Buchen und Tannen besser zurecht.

Naturnahe Waldwirtschaft

Das Fichtenholz lässt sich gut verkaufen, bringt aber auch ökologische und ökonomische Probleme mit sich, die nach und nach zu einem Umdenken führten. Der Umbau des Waldes zurück in naturnahe Bestände wurde in Baden-Württemberg ab den 1970er Jahren Leitbild der Waldwirtschaft. Naturnahe Waldwirtschaft benötigt aber Zeit und Geduld. Durch über 40 Jahre forstlicher Bemühungen ist es mittlerweile gelungen, den Umbau des Nordschwarzwaldes hin zu gemischten Baumbeständen erfolgreich zu entwickeln und es gelang der naturnahen Wirtschaftsweise, vielfältigen Anforderungen gerecht zu werden. Der heimische Wald liefert nachwachsenden Rohstoff, dient dem Artenschutz, sorgt für saubere Luft und CO2-Bindung und bietet Erlebnisraum für Erholungssuchende. Diese integrative Wirtschaftsweise entwickelt sich zu einem weltweit beachteten Modell.

 

Bewahrung der Schöpfung

Der Behauptung, die Einrichtung eines Nationalparks im Nordschwarzwald diene der Bewahrung der Schöpfung, liegt meiner Ansicht nach ein doppeltes Missverständnis zugrunde. Zum einen handelt es sich wie oben beschrieben im Nordschwarzwald, anders als in vielen amerikanischen Nationalparks, nicht um ursprüngliche Natur. Außerdem halte ich es für falsch, den biblischen Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung auf das Nichts-Tun zu reduzieren. Stattdessen sehe ich den Menschen aufgefordert, die Schöpfung sorgsam zu nutzen, achtsam zu pflegen und so nachhaltig zu bewahren. Diese „wohlwollende“ Landnutzung soll uns und künftigen Generationen im Nationalpark untersagt werden.

Ökobilanz

Im Nordschwarzwald ist „Nachhaltigkeit“ und Wirtschaften mit und in dem Wald im Bewusstsein der örtlichen Bevölkerung tief verwurzelt. Die Verwertung des heimischen Holzes ist eine seit Generationen übertragene Tradition und auch heute noch Existenzgrundlage vieler kleiner und mittelständischer Betriebe und der Menschen in dieser Region. Darf kein Holz mehr eingeschlagen werden, so muss es importiert werden. Das wiederum führt zu einer schlechten Ökobilanz.

Klimaschutz

Wer Klimaschutz ernst meint, sollte wissen, dass mit der nachhaltigen Holznutzung auf den geplanten 10.000 Hektar jährlich rund 10 Mio. Liter Heizöl ersetzt werden könnten. Ob in Zeiten der Energiewende auf Holz als heimischen nachwachsenden Rohstoff einfach verzichtet werden kann, ist mehr als fraglich. Dazu kommt, dass Totholz, das im Wald verrottet, beachtliche Mengen an CO2 freisetzt, während dieses in lebendigen Bäumen oder in verarbeitetem Holz gebunden bleibt.

Borkenkäfer

Wie auftretendem Schädlingsbefall, bspw. durch den Borkenkäfer, zukünftig entgegengewirkt werden soll, ist ebenfalls fraglich. Zwar liegt die Gebietskulisse für den geplanten Nationalpark ausschließlich im Staatswald, aber vor angrenzenden Waldflächen würde der Borkenkäfer nicht Halt machen. Dadurch könnten auch Privatwaldbesitzer – Kommunen oder bäuerliche Betriebe – geschädigt werden. Das Landschaftsbild würde durch abgestorbene Bäume dramatisch verändert. Hier stellt sich die Frage nach möglichen Auswirkungen auf den bisherigen Tourismus.

Finanzen

Nachhaltigkeit ist immer auch unter dem Aspekt der öffentlichen Haushalte zu sehen. Den Nationalpark Nordschwarzwald gibt es nicht zum Null-Tarif. Es ist darauf zu achten, dass die Gelder, mit denen auch im Hinblick auf den Tourismus die betroffenen Stadtkreise, Kreisstädte und Gemeinden unterstützt werden sollen, dem Naturschutz nicht an anderer wichtiger Stelle fehlen.

Die CDU-Landtagsfraktion hat ein eigenes Gutachten in Auftrag gegeben, das zur Klärung der vielfältigen Fragen beitragen soll. Verschiedene Gemeinden in der betroffenen Region haben Bürgerbefragungen im Frühjahr 2013 vorgesehen. Die CDU-Landtagsfraktion setzt ihre vielfältigen Besuche und Gespräche im Nordschwarzwald fort und verlangt von Grün-Rot, nicht über die Köpfe der betroffenen Menschen hinweg zu entscheiden.

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